Eine Lebensaufgabe
„Als ich im Jahr 1988 meine Arbeit als Krankenschwester im Missionsdienst begann, ahnte ich noch nicht, dass mich diese Aufgabe mein Leben lang begleiten würde.

 

Sprechstunde „unter dem Baum“
In den 1990er-Jahren, in denen ich noch als Missionarin im medizinischen Dienst tätig war, fuhr ich regelmäßig mit einigen Freunden und einer Kiste voller Medikamente in das Dorf Dougourakoro. Der dortige Pastor bat mich um Hilfe, weil es im Dorf keinerlei medizinische Versorgung gab.

Also fuhr ich mit einigen Freunden wir los. Wir packten unsere Medikamente, eine Babywaage und andere Utensilien aus, setzten uns auf die Bank und begannen unter einem großen Schatten spendenden Bau unserer Arbeit. Der Pastor übersetzte die vielen Stammessprachen, ich konsultierte und andere kümmerten sich um die kleinen Kinder und ihre Mütter. Wunden wurden versorgt, Verbände angelegt und Medikamente verteilt. Säuglinge wurde gewogen, Ratschläge erteilt und Besuchstermine besprochen. Nach der Konsultation kamen zwischen 20 und 30 Mütter zusammen. Ich unterrichtete die Frauen mit Flanellbildern über Ernährung, Hygiene, Impfungen und andere Basics. Die Höhepunkte waren immer die überaus beliebten „Kochshows“. Da gab es für etliche Mamas tolle Entdeckungen und wir ernteten begeisterte „Aaahs“ und „Ooohs“ für die leckeren Köstlichkeiten, die wir für die fehl- und unterernährten Kinder zubereiteten.

Diese regelmäßigen Konsultationen, die es in der Region noch nie gab, schufen ein Klima des Vertrauens und der Dankbarkeit. Als Intensivschwester brachte mich auch die eine oder andere Spontangeburt nicht so schnell aus der Fassung. So gab es auch in diesem sensiblen Bereich offene Türen und offene Herzen, welche die Grundlage für eine zwar bescheidene, aber effektive medizinische Grundversorgung darstellten.

 

Gute Mitarbeiter sind durch nichts zu ersetzen …
Von Anfang an war es mir wichtig, malische Mitarbeitende zu finden, die fähig und motiviert waren, die medizinische Arbeit mitzutragen und zu verantworten. Als ich Nah, einer jungen Malierin aus Bamako begegnete, spürte ich nach einiger Zeit, dass Gott mein Gebet um eine kompetente Mitarbeiterin erhört hatte. Dass er mir mit ihr auch eine wunderbare Freundin schenkte, war ein zusätzliches Geschenk, das ich dankbar annahm. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und die medizinische  Arbeit entwickelte sich dank ihrer herzgewinnenden Art in ganz großartiger Weise. Nah war ein Segen. Sie sprach mehrere Sprachen, hatte Vertrauen bei den Frauen, besuchte die Haushalte, in denen Neugeborene zur Welt gekommen waren, ermutigte, beriet im Blick auf Ernährungsfragen, und ihre verbindende Art trug viel dazu bei, dass auch mir immer mehr Vertrauen entgegengebracht wurde.

Ein besonderes Anliegen war es meiner malischen Mitarbeiterin und Freundin, dass die Frauen, denen sie mit Rat und Tat so viel Gutes vermittelte, immer auch von der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes hörte und verstanden, dass Jesus Christus ihnen ganz nahe war und immer ein offenes Ohr für sie und ihre Nöte hatte.

So erlebten wir drei bereichernde Jahre gemeinsamer Arbeit und Freundschaft. Sie legten den Grundstein für eine medizinische Arbeit, von der ich damals noch nicht einmal träumen konnte.

 

Alles hat seine Zeit …
Infolge einiger ernsten Erkrankungen spürte ich deutlich, dass auch meine Zeit in Mali zu Ende gehe würde. Durch vertrauensvolle Begegnungen, gute französische Sprachkenntnisse und der Tatsache, dass ich mich leidlich in Bambara, der Landessprache ausdrücken konnte, hatte ich das Vertrauen der Menschen im Dorf, und es gab schon damals, bei meinem Abschied im Jahr  1997, die Bitte: „Lass uns nicht allein. Komm wieder und hilf uns!“ Diese Bitte war damals eine starke emotionale Herausforderung für mich und bis heute ist sie mir Vertrauensbeweis und Verpflichtung zugleich.

 

„Nichts ist beständiger als der Wandel …“
Es war klar, dass mit meinem Abschied aus Mali und der Rückkehr nach Deutschland vieles anders werden würde. Meine Freundin Nah setzt ihre regelmäßigen Hausbesuche in Dougourakoro fort. Sie kochte mit den Frauen für die Kleinkinder der Familien und nutzte bei entspannten Plaudereien die Möglichkeiten, den Müttern überlebenswichtige Tipps für die Ernährung der Kinder, aber auch für ein Leben mit Gott zu geben. Als Nah ein Jahr später infolge einer Aids-Erkrankung starb, war das für alle, die sie kannten und ihre feine und herzlich Art schätzten, ein schmerzlicher Verlust. Jeder, der mit ihr zu tun hatte, spürte, dass diese junge Frau durch ihre Ausstrahlung zwar ein Vermächtnis der Liebe Gottes zurückgelassen, aber auch eine große Lücke hinterlassen hatte.

Nun war einfach niemand mehr da, der die medizinischen Maßnahmen leitete und durchführte. Dennoch zeigten die Kirchenältesten ihr Engagement, indem sie eine schlichte Lehmhütte für die medizinische Hilfe zur Verfügung stellten. Dort arbeitete in unregelmäßigen Abständen ein Hilfspfleger, der von der Kirchengemeinde entlohnt wurde und versuchte, die größten Versorgungslücken zu schließen.

Seit meiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1997 bewegte mich der Gedanke an einen Hilfsverein für Mali. Diese Überlegungen teilte ich mit einigen guten Freunden, die mich ermutigten und  ihre Unterstützung und Hilfe zusagten.

Ein unvergesslicher Moment war dann die Gründung des Vereins „KAMALI DEME – Helft Mali e.V.“ im Januar 2003.
Die Bitte: „Komm wieder und hilf uns“ war erhört worden.

 

Manches Ende ist ein neuer Anfang
Schnell wurde klar, dass das wichtigste Ziel des Vereins der Bau einer kleinen, aber effektiven Kranken- und Entbindungsstation sein müsste. Wir begannen an der alten Wirkungsstätte in Dougourakoro unser erstes Projekt.

 

Ein erster Schritt
war dabei die Anstellung von Amadou Sagara, einem jungen, Krankenpfleger, der die begonnene Arbeit wieder aufnahm, in den Dörfern präsent war und versuchte, die medizinische Versorgungslücke zu schließen. Er arbeitete, in der von der von der Kirchengemeinde gebauten Lehmhütte, die als einfache Krankenstation diente.

Durch meine Tätigkeit im Krankenhaus Singen und viele bundesweite Kontakte war es möglich, in relativ kurzer Zeit, die Anliegen von KaMalideme bekannt zu machen und mit effektiven medizinischen Einsätzen in Dougourakoro zu beginnen.

 

Den zweite Schritt
stellten, die, schon bald nach der Gründung unseres Vereins begonnenen, chirurgischen und zahnmedizinischen Hilfseinsätze deutscher Mediziner dar. Dabei waren deutsche Mediziner jeweils etwa zwei bis drei Wochen lang mit Kamalideme in Mali aktiv. Zunächst fanden diese Aktivitäten unter ziemlich primitiven Umständen statt. Die ersten chirurgischen Eingriffe wurden unter einfachsten Bedingungen in einem Rohbau auf dem Schreibtisch eines Pastors durchgeführt.  Es gab keine Klimaanlage und keine zufriedenstellende OP-Beleuchtung. Die Instrumente wurden in einem großen Eimer sterilisiert und die Fliegen von wechselnden „ Assistenten“ mit Fächern auf Distanz gehalten. Licht spendete eine, von wechselnden Helfern gehaltene starke Taschenlampe. Und dennoch wurden während dieses ersten chirurgischen Einsatzes fast 50 Personen operiert, von denen viele heute noch voller Dankbarkeit von den deutschen „docteurs“ sprechen.

 

Ein Meilenstein
auf dem Weg zu einer regelmäßigen medizinischen Basisversorgung – war die Planung und der Bau unserer Krankenstation auf einem, dafür erworbenem, Grundstück. Sie wurde einige Zeit später in einem zweiten Bauabschnitt um eine Entbindungsstation erweitert. Im Zuge der regelmäßig stattfindenden chirurgischen Einsätze war nun eine Ausweitung der Aktivitäten möglich:

Die Einrichtung einer Apotheke, regelmäßige Konsultationen, Schwangerenvorsorge und Begleitung der jungen Mütter, Ernährungsberatung und anderes mehr. In Zusammenhang damit stand die Anstellung einheimischer Mitarbeitenden und die Gründung eines malischen Komitees zur Förderung unserer Arbeit vor Ort.

 

Gesegnet mit guten Freunden
Viele unserer Aktivitäten hat Gott gesegnet. Er hat uns gute Freunde geschenkt, die unser Anliegen  beim Sternstundenprojekt des Bayerischen Rundfunks bekannt gemacht haben. Von dort erhielten wir die Startfinanzierung für unsere Krankenstation. Der Lions-Club in Werne hat uns immer wieder mit großzügigen Spenden geholfen, wichtige Projekte oder die Anstellung eines Mediziners auf unserer Krankenstation zu realisieren. Auch Baby-One, der Fachmarkt für Babyausstattung, war von Anfang an ein treuer Förderer unserer Arbeit.

Unser malisches Komitee gab der Krankenstation den Namen „Siloah“. Das bezieht sich auf eine Geschichte im Neuen Testament und erinnert an einen von Geburt an Kranken, der infolge seiner Behinderung keine Chance auf Heilung in einer Heilquelle hatte. Jesus heilte ihn und schenkte ihm neue Hoffnung. Und weil genau das immer wieder im Rahmen unserer medizinischen Arbeit geschieht, trägt die Krankenstation diesen Namen.“

 

 

Christine Sakowski, Vorsitzende von KaMalideme-Helft Mali e. V.